Unsere Philosophie

Unsere Philosophie

In den letzten Jahrzehnten hat sich die Einstellung zur Reiterei und zum Pferd stark verändert: Viele suchen im Reiten einen Ausgleich zum Alltag, wollen entspannt nach Feierabend einen Ausritt durch Wald und Feld machen, anstatt sich in der Halle mit endlosen Bahnfiguren zu quälen. Dafür wünschen sie sich ein nervenstarkes, gut zu sitzendes und einfach zu handhabendes Pferd. Das Miteinander und der Spaß am Pferd stehen im Vordergrund. Diese Einstellung setzt sich in der Pferdehaltung fort: Im Freizeitreiterbereich und bei Anhängern des Natural Horsemanship überwiegen natürliche Haltungsformen, bei denen artgerechte Haltung zum Wohle des Pferdes, also, im Herdenverband mit Sozialkontakten, auf weiträumigen Koppeln und in Offenställen, im Vordergrund steht. Diese Haltungsform kommt den natürlichen Bedürfnissen des Pferdes nach ausgiebiger Bewegung, Frischluft, ganzjährigen jahreszeitlich bedingt verschiedenen klimatischen Einflüssen sowie sozialen Interaktionen, die das Pferd im Herdenverband ausleben kann, am meisten entgegen. Eine Boxenstallhaltung erfüllt diese Bedürfnisse jedoch kaum und wird daher von den meisten echten Pferdefreunden abgelehnt.

Western-Freizeitreiter und Freunde des Natural Horsemanship, Anfänger und Fortgeschrittene gleichermaßen, haben meist ähnliche Motive, warum sie sich für diese Reitweise und diese Art des Umgangs mit Pferden entschieden haben: Freiheitsgefühl und Zwanglosigkeit bei der Beschäftigung mit dem Partner Pferd stehen für die meisten im Vordergrund. Die Ruhe und Ausgeglichenheit der meisten Pferde in diesen Disziplinen begeistern sowohl Ein- als auch Umsteiger. Besonders die Umsteiger vom Englisch-Reiten wollen den gewohnten Befehlston und das ewige Abteilungsreiten in der Reithalle hinter sich lassen. Sie suchen nach einer Alternative und sind beeindruckt von der Leichtigkeit des Western-Freizeitreitens. Der lange Zügel, die weich zu sitzenden, geschmeidigen Gänge, die Trittsicherheit im Gelände, die Beweglichkeit und der Gehorsam der Pferde überzeugt all diejenigen, die jahrelang mit Stechtrab, scharfen Gebissen, Hilfszügeln, Angst vorm Durchgehen und genereller Unberechenbarkeit ihrer Reitpferde zu kämpfen hatten. Nun darf nicht vergessen werden, dass dieses Bild vom lässigen Western-Freizeitpferd eine solide Grundausbildung voraussetzt. Zu behaupten, jedes Westernpferd wäre von Natur aus ein „Traum am langen Zügel“ ist genauso eine Verallgemeinerung und ein Vorurteil wie die Aussage, klassische Pferde seien hitzige Durchgänger.

Natural Horsemanship – was ist das? Diese selbstverständliche Art, mit einem Pferd umzugehen, stammt von den Cowboys und findet sich außerdem bei etlichen weiteren eng mit Pferden zusammen lebenden Völkern. Der Cowboy ist darauf angewiesen, mit seinem Partner Pferd optimal zu kommunizieren, sich oftmals blind, ohne offensichtliche Hilfengebung, mit ihm zu verstehen. Aus dem alltäglichen Umgang mit dem Pferd hat sich ein Miteinander zwischen Mensch und Tier entwickelt, das auf dem tiefen Verständnis für das Verhalten des Pferdes basiert. Der erfahrene Horseman versteht durch jahrelange Beobachtung der natürlichen Verhaltensweisen des Pferdes jede Reaktion und begegnet dieser im Umgang mit dem Pferd. Basierend auf dem Wissen, dass es sich beim Menschen um ein Raubtier, beim Pferd jedoch um ein Fluchttier handelt, und dass der Mensch sein Verhalten auf das des Pferdes einstellen muss, wird eine harmonische Beziehung im Einverständnis und im Einklang mit dem Pferd angestrebt, und zwar nicht nur im unmittelbaren Umgang mit dem Pferd, sondern auch bezüglich dessen Haltung und Umfeld. Artgerechte Unterbringung steht im Vordergrund und geht einher mit einer Ausbildung, die das natürliche Verhalten des Pferdes für sich nutzt und nicht zu unterdrücken versucht. Ziel ist es, eine Vertrauensbasis zu schaffen, um das Pferd frei von Angst und Druck anleiten zu können. Der Mensch begegnet dem Pferd mit Liebe, Achtung und Respekt und ist sich der Verantwortung und der Verpflichtungen, die diese Partnerschaft mit sich bringt, stets bewusst. Horsemanship lässt sich am ehesten beschreiben als die Kunst, mit einem Pferd als Einheit zu harmonieren, wobei die pferdegerechte Behandlung vor den Leistungsinteressen des Menschen steht.

Leider wird das Reiten meist wie das Autofahren gelehrt, und leider wollen es auch die meisten Reitschüler so erlernen: Tue dies, bekomme das – hier ziehen, da drücken etc., ohne Verständnis, warum diese Anweisungen so erfolgen. Bei einem Auto, einer immer gleich funktionierenden Maschine, mag diese schematische Betriebsanleitung funktionieren; und wenn das Auto kaputt ist, kommt es in die Werkstatt. Die gibt es reichlich, und es rentiert sich für die meisten Leute nicht, sich selbst in die Materie zu vertiefen. Von Fachleuten repariert bekommt man das Auto zur Benutzung zurück. Beim Pferd sieht es allerdings wesentlich anders aus. Zum einen ist jedes Pferd eine Persönlichkeit und „funktioniert“ im Rahmen der naturgegebenen Grundeigenschaften individuell. Die allgemeine Bedienungsanleitung klappt also nicht immer. Zum anderen können wir es nicht eben mal schnell in die Werkstatt geben, wenn etwas nicht funktioniert. Das ist auch nicht nötig, denn wenn wir seine Motorik und seine Art zu denken verstanden haben, können wir es selbst „reparieren“ bzw. die Notwendigkeit von „Reparaturen“ mit Hilfe pferdegerechter Behandlung von vornherein ausschließen.

Ein guter Reiter und der, der es werden will, zeichnet sich durch Einfühlungsvermögen, Fairness, Geduld, Selbstbeherrschung und Selbstverantwortung aus. Er sucht Fehler immer zunächst bei sich selbst und lässt seine Unzulänglichkeiten niemals am Pferd aus.

Auch, wenn es auf den ersten Blick meist nicht danach aussieht: Der Reiter muss körperlich fit sein, denn in gewisser Weise ist Reiten auch anstrengend. Gewicht und Größe sollten dabei zu den Proportionen des Pferdes passen. Ein weiterer wesentlicher Punkt ist das Konzentrationsvermögen. Wer glaubt, mit Draufsetzen und Losreiten sei es getan, der irrt. Sowohl bei der reiterlichen Ausbildung als auch beim gemütlichen Ritt durch Wald und Feld muss man stets bei der Sache sein.

Beim Reiten lernen müssen wir erkennen, warum die eine Hilfe hier funktioniert und die andere da nicht. Wir finden heraus, wie, situationsbedingt, eine Hilfe gestaltet sein muss, um die gewünschte Wirkung zu erzielen: Immer so sanft wie möglich und gleichzeitig so bestimmt wie nötig. Eine Hilfe sollte dabei, wie der Name schon sagt, so geartet sein, dass sie dem Pferd hilft, das auszuführen, was der Mensch von ihm will. Sie muss also möglichst nah an der Natur des Pferdes, also ihm verständlich, sein. Dazu ist es wichtig, als Mensch das Verhalten des Pferdes zu studieren und seine Sprache zu erlernen. Die Natur des Pferdes ist es, ein Herdentier zu sein, mit einem bestimmten Platz in einer Rangordnung. In Harmonie mit dem Pferd zu sein heißt, sich wie ein Herdentier zu verhalten. Pferde fühlen sich in der Rangordnung der Herde und der damit verbundenen Unterordnung wohl und sicher. Der Mensch, der das Pferd führen und anleiten will, übernimmt die Position des Alphatieres. Diese Position muss er durch sein Verhalten und seine Ausstrahlung erlangen und halten. Dazu gehört unter Pferden gegenseitiges Fellkraulen genauso wie Drohen, Knuffen und Treten, also Freundlichkeit und Dominanz. Diesen psychologischen Aspekt sollten wir immer im Hinterkopf haben, wenn wir mit Pferden agieren, genauso sollten wir jedoch auch die anatomischen und physischen Möglichkeiten des Pferdes kennen, wenn wir eine Leistung von ihm verlangen. Und letztlich gilt es zu wissen, wie wir diese theoretischen Kenntnisse in der Praxis umsetzen können.

Beim Reiten und bei allem, was wir mit Pferden tun, erlernen und nutzen wir außerdem die unzähligen scheinbar nebensächlichen Verhaltensweisen, Handgriffe, Details und Kleinigkeiten, die uns den Umgang mit dem Pferd enorm erleichtern und uns helfen, eine echte solide Partnerschaft zwischen Pferd und Mensch aufzubauen.

(in Anlehung an G. Maschalani, leicht abgeändert auf unser Studentenreiten bezogen)